Jakobsweg

Caminho Portugués – Tag 6

Es ist soweit, wir müssen die wundervolle Herberge verlassen. Wir machen uns früh auf die Beine – heute liegt ein sehr anstrengender Tag vor uns. Aber bevor wir die Herberge verlassen, schreiben wir uns noch in das Gästebuch ein – hier kann man einfach nicht des Lobes voll genug sein.

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Es ist angenehm kühl und wir nehmen uns vor möglichst weit voran zu kommen, so lange es noch nicht so warm ist. Die Strecke ist sehr abwechslungsreich. Es geht durch Eukalyptuswälder und über uralte, teilweise noch original erhaltene Pflastersteine. Selbst der stetige Anstieg vor Pedreira meistern wir mit links.

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Die großen, schmalen Blätter auf dem Boden sind vom Eukalyptusbaum

Wir passieren den ein oder anderen verwunschenen Ort, so wie dieses alte Kloster.

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Wir überqueren einen Fluß und finden dort das nächste Idyll.

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Es gibt immer wieder so wunderschöne Ort und Plätze an denen man verweilen möchte. Aber wir ziehen weiter. Wir werden heute viel zu sehen bekommen und müssen erstmal Strecke machen.

Auf dem Jakobsweg sieht man oft von Pilgern selbst errichtete Steintürmchen. Seltener ist es, dass an so einem Ort dann auch persönliche Dinge und Widmungen hinterlassen werden. Heute haben wir kurz an einem Steinkreuz inne gehalten und all diese privaten Wünsche und Gaben betrachtet. Endlose Gedanken gehen mir da durch den Kopf. Was ist der Grund für andere Pilger, diesen Weg zu gehen? Trauer, Hoffnung, Glaube? Ein Ort von tiefer Sinnlichkeit.

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Jeder abgelegte Stein hat symbolischen Charakter für den Pilger

Eingebettet in die von Mutter Natur vorgegebenen Formen.

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Wir kommen gut voran und nach knapp 10 km erreichen wir endlich einen Küstenort. Dort findet gerade eine Messe statt und wir treffen genau zur Palmweihung ein.

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In mühevoller Handarbeit hergestellt

Ich kam ja bereits die ersten Tage in den Genuß am Meer entlang zu laufen – Kira und Karin freuen sich natürlich jetzt umso mehr.

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Vila Praia de Ancora

Es wird langsam wieder heiß. Unser erstes Etappenziel für heute ist die Stadt Caminha. Dort wollen wir nach 18,3 km eine stattliche Pause einlegen und dann frisch gestärkt und ein wenig erholt die restlichen 14 km für heute in Angriff nehmen.

Wir genießen die Küstenlandschaft – sowohl Flora als auch Fauna.

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Wir müssen einen kleinen Umzieh-Stopp einlegen. Mir ist so warm. Also kurz mal Klamottenwechsel, was diese Ziegen allerdings nicht weiter stört. Ich frage mich, wer mehr müffelt – die oder ich?

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Weiter geht´s – aber so langsam zieht es sich ganz schön. Das Problem ist auch, dass Du an der Küste die Entfernungen ganz schlecht einschätzen bzw. sehr gut verschätzen kannst. Du siehst schon die Häuser vom nächsten Ort und denkst so „Hmmm, ist ja nicht mehr weit!“ – Pustekuchen.

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Also wieder die alte Devise – Schritt für Schritt. Ich freue mich auf die Pause. Überlege mir, was ich mir gleich leckeres im Supermarkt kaufen werde – meine eigene Motivation. Wir erreichen den nächst größeren Ort. Da wir immer noch in Portugal sind und ich somit kein GPS am Handy habe – frage ich im Ort eine ältere Dame die gerade am Straßenrand mit ihrem Auto geparkt hat. Ist das hier die Stadt Caminha? „Si, si!“ Toll Leute, 18,3 km schon geschafft. Es ist noch früher Mittag. Wir beschließen eine Stunde Pause zu machen und dann ganz ohne Streß die restlichen 14 km anzupacken. Easy – dachten wir…….

Wir steuern den nächsten Supermarkt an. Also beim Pilgern kommen ja immer Gelüste zustande, die schon mit denen in einer Schwangerschaft vergleichbar sind. Ich entscheide mich für Würstchen, Muscheln in Tomatensoße, Brötchen, Erdbeeren und ein Schokoriegel. Mahlzeit! Natürlich nutzen wir dieses letzte Stück Küstenweg und machen ein Picknick am Strand. Anschließend in einer angrenzenden Bar schnell noch eine eiskalte Coke zero vor dem Aufbruch.

Und dann kam alles anders … da wir ja immer auch auf der Suche nach einem Stempel für unseren Pilgerausweis sind, habe ich einen Mann gefragt, wo denn hier die Touristinformation sei? Und irgendwie zeigte er in eine ganz andere Richtung, als die Schilder vorher angedeutet hatten. Ich wurde skeptisch und fragte ihn „Das hier ist doch Caminha, odeeeeeeeeer?“ „Nein, das hier ist Moledo.“ Das hat gesessen. Kurz den Reiseführer rausgenommen – geschaut – Moledo bis Caminha 5 km. Das hat uns alle einen Schlag vor den Bug versetzt. Statt noch 14 km jetzt noch 19 km – ok, lasst uns dramatisieren – noch 20 km!!!!! Mit voll geschlagenem Bauch. Heute erst 13 km gelaufen. Zeitfenster also jetzt auch nicht mehr ideal. Und es ist heiß ….. wo bitte ist jetzt die Motivation hin?

Mir ist aufgefallen, dass der heutige Tag dann letztlich der Tag war, an dem ich die wenigsten Fotos gemacht habe. Ich habe für die letzten 19 km noch genau 3 Fotos für euch. Wer mich kennt, weiß dass ich immer viele Fotos mache. Und jetzt könnt ihr euch denken, wie der Rest des Tages verlaufen ist. Nämlich Schritt für Schritt …. 19 km Schritt für Schritt …. es war ein never ending Weg. Gut wir haben uns auch gegenseitig nicht wirklich motiviert. Jeder war kurz vorm Hitzschlag. Jede Wasserquelle wurde ausgenutzt um Käppi (Karin), Kopftuch (Kira) oder Handtuch (ich) neu zu befeuchten und wenigstens den Kopf etwas runter zu kühlen.

Unser heutiges Ziel ist Vila Nova de Cerveira und bis dorthin keine Herberge sonst vorhanden. Es gab einfach keine Alternative. Hinter Caminha haben wir das Meer verlassen und pilgern jetzt am Rio Mino entlang. Und es zieht sich endlos. Dieses Ufer werde ich nie vergessen. Ja, es sieht schön aus, aber nicht über 13 km …… immer das gleiche … und du weißt, dass das am Horizont immer noch nicht dein Ziel ist.

Jakobsweg 2017 221

Übrigens gehen wir auf der portugiesischen Seite. Die Grenze zu Spanien verläuft mittig im Fluss. D.h. das linke Ufer ist Spanien.

Den Rest der Etappe erspare ich mir jetzt. Wir haben uns mehr oder weniger am Abend in den Zielort geschleppt. Die Füße taten weh – mehr als weh. Wir hatten eine Körpertemperatur von circa 60 Grad. Und wir waren gänzlich entkräftet. Wir haben es noch vorher in einen Supermarkt geschafft. Heute übernachten wir in einer Jugendherberge. Super sauber und ein 4-Bettzimmer für uns drei mit eigenem Bad. Na, immerhin etwas – aber alles andere wäre mir heute Abend auch egal gewesen. Noch an der Rezeption ziehe ich die Schuhe und Socken aus – sorry für die Rezeptionistin. Aber die war super lieb. Hat uns später die Wäsche gewaschen und getrocknet. Leider weiß ich ihren Namen nicht.

Was wir jetzt schon wissen, ist, dass es keine ü30er-Etappe mehr geben wird. Gott sei Dank. Somit haben wir heute das Schlimmste hinter uns gebracht. Seid nicht böse aufgrund der ganzen Jammerei, aber es war echt anstrengend heute. Da darf man auch mal Schwäche zeigen …. ach ja, und Blasen gehen wir jetzt auch noch zählen, autschn! Aber Wunden lecken ist wichtig ….

 

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