Jakobsweg

Caminho Portugués – Tag 5

Um 8.30 Uhr muss ich das Kloster verlassen. Meine Füße fühlen sich von gestern noch ziemlich platt an. Aber heute werde ich ja erstmal auf die Ankunft der beiden warten und kann mir eine kleine Auszeit gönnen. Ich fange direkt mal damit an und kehre schon nach 100m in eine Bar ein. Dort nutze ich ausgiebig und ohne Zeitdruck das WLAN. Bestelle mir ein leckeres Frühstück und Kaffee, Kakao und Orangensaft. Herrlich! Die beiden sind zwischenzeitlich im Flieger und landen nach nur einer Stunde Flug in Porto. Von dort müssen sie mit der Metro zum Hauptbahnhof fahren und der Zug dauert dann zu mir nach Viana do Castelo nochmals 1,5 h. Nach drei Stunden in der Bar mache ich mich auf den Weg, ein bisschen die Stadt zu erkunden. Erstmal laufe ich zum Bahnhof, damit ich nachher weiß wo ich hin muss.

Hauptbahnhof Viana do Castelo
Bahnhof Viana do Castelo

Ich laufe weiter ein wenig durch die Innenstadt. Es ist eine kleine, gepflegt Stadt, die zum Verweilen einlädt. Überall kann man draußen sitzen und einfach für den Moment mal genießen oder das Treiben auf sich wirken lassen. Ich komme zum Marktplatz …

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… und es sind ein paar Marktstände aufgebaut. Die Marktstandbetreiber sind alle in Trachten gekleidet und gruppieren sich freundlicher Weise für ein Foto. Die Jungs rechts und links wollten nicht, aber sie wurden so von den Frauen angemeckert, dass sie parieren mussten.

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Portugiesische Trachten

Danach gönne ich mir einen weiteren Kaffee und plane unsere heutige Route. Für Karin ist es der 1. Camino. Kira ist letztes Jahr den Camino Inglés von Ferrol nach Santiago mitgelaufen und hat schon einiges an Erfahrung sammeln können. Heute laufen wir nicht mehr weit – bis Pacó – das sind 10 km. Da kann Karin in Ruhe einen ersten Eindruck bekommen. Am ersten Tag ist man sowieso ständig an seinem Rucksack am rumzubbeln, bis er denn dann mal richtig zu sitzen scheint. Dafür ist die heutige erste und kurze Etappe bestens geeignet.

Da ich das relaxte „gammeln“ gar nicht mehr kenne, wird mir langsam langweilig. Ich suche den Stadtpark auf und mache es mir auf einer Wiese gemütlich. Schlafsack raus in Ermangelung einer Picknickdecke. Schuhe und Socken wieder ausziehen und eine kleine Fußpflege machen. Ich spüre die Blicke einiger Passanten. Manche grinsen. Manchen sieht man förmlich das Kopfschütteln an. Manche zeugen Respekt, denn anhand meines Rucksacks kann man meine Intention ja erkennen. Man muss jetzt dazu sagen, dass die Semana Santa (feierliche Osterwoche in Portugal/Spanien) angebrochen ist und heute immerhin Wochenende ist. Die Leute haben sich chic gemacht – viele sind auf dem Weg zur Kirche. Als Pilger nimmst Du diese alltäglichen Sachen gar nicht mehr für dich selbst wahr. Du bist viel mehr bei Dir selbst. Beispiel: In jeder Wanderpause ziehe ich im Café als erstes die Schuhe und Socken aus. Egal, was die anderen wohl denken würden. Egal, ob meine Füße gerade nicht wohlriechend sind. Man blendet das alles aus. Hat man noch Wäsche am Rucksack hängen, die noch nicht ganz trocken geworden ist (mit Vorliebe dicke Socken!), so werden auch diese an einem Sonnenplätzchen schnell ausgelegt. Wie mag das auf andere wirken? Vor allem auf Menschen, die mit dem Pilgertum nichts am Hut haben? Als Pilger ist dir das egal. Du musst sehen, dass du möglichst komfortabel, schmerzfrei und trocken (Kleidung!) durch den Tag kommst. Die Füße werden auf den nächst freien Stuhl hochgelegt, aber immerhin bin ich so nett und wickel meine Füße in ein Handtuch ein – denn der Anblick mit diversen verklebten Blasenpflastern ist wirklich nicht schön. Pilger unter sich verstehen sich natürlich diesbezüglich.

An meinem Sonnenplätzchen im Park – die Füße massierend – stellt sich fast ein klein wenig Wellness-Gefühl ein. Danach lege ich mich in den Schatten eines Baumes und lasse gedanklich meinen bisherigen Weg nochmal Revue passieren.

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Dann ist es endlich so weit und ich mache auf den Weg zum Bahnhof. Da die beiden ja auch schon seit einigen Stunden unterwegs sind, kaufe ich unterwegs im Supermarkt noch einen gekühlten Danone-Trinkjoghurt für jeden. Sekt wäre angebrachter, aber vielleicht nicht ganz so sinnvoll.

Die Statuen vor dem Bahnhof symbolisieren ebenfalls meine Vorfreude auf das Wiedersehen auf dem Camino.

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Bahnhofsvorplatz Viana do Castelo

Juhuuuu, ab sofort sind wir zu dritt. Wir stoßen mit unserem Danone an und wenig später geht die Reise nun zu dritt weiter. 10 km liegen vor uns und wir gehen es ruhig an. Karin zeige ich die ersten – wie immer versteckten – gelben Pfeile. Es erinnert doch immer wieder an eine Schnitzeljagd. Hmmmm, Schnitzel wäre jetzt auch nicht schlecht….

Karin scheint mir ein wenig nervös, was ich durchaus verstehen kann. Ich weiß noch als ich für meinen ersten Camino in Pamplona am Bahnhof ankam. Man verläßt das Bahnhofsgebäude und steht erstmal da und denkt so – wo ist das Empfangskomitee? Oder, wer zeigt mir denn jetzt den Weg? Man muss sich selbst erst mal orientieren und sortieren. Wir verlassen die Stadt und gelangen über zig Straßen endlich in etwas mehr Naturlandschaft. Ich berichte währendessen von meinen bisherigen Erlebnissen und Erfahrungen. Sage den beiden, dass wir heute in einer ganz besonderen Herberge übernachten werden. Zur Sicherheit, weil wir spät ankommen werden, habe ich ausnahmsweise für uns drei reserviert. Also alles save für heute. Ich mag es generell nicht im voraus zu reservieren, weil man sich da auch einiges an Flexibilität nimmt. Man legt sich vorher schon fest – kann letztlich keine Auswahl mehr treffen. Aber für heute ist das vollkommen in Ordnung.

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Zwischen hohen Mauern gönnen wir uns eine kleine Erfrischung und genießen für den Moment der Sonne entkommen zu sein. Es geht weiter durch winzige Dörfer. Wir sehen keine anderen Pilger und generell auch wenige Menschen.

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Wir laufen gemütlich und ich informiere den Herbergsvater ein weiteres Mal, dass wir erst gegen 18 Uhr eintreffen werden. Nicht, dass er unsere Betten doch weiter gibt.

Kurz vor Paco erreichen wir das Dorf Carreco. Wir haben Glück und der kleine Dorfladen hat sogar noch auf. Somit ist dann auch das Abendessen gesichert. Wir kaufen Eier, Brot und Thunfisch-Dosen-Salat ein.

Dann erreichen wir nach einer eiskalten Coke zero die Herberge. Und mir ist klar, das wird einmalig auf diesem Camino sein. Ich beschwöre meine Begleiter, dass sie das bloß genießen sollen, denn so etwas werden wir sehr wahrscheinlich nicht nochmal finden und schon gar nicht für 12€ die Nacht.

Die Herberge Casa de Sardao wird von Hugo geführt, der in einem renovierten Landhaus dieses Refugio errichtet hat. Hugo selbst war sein halbes Leben lang in der Welt unterwegs und man merkt sofort, dass er genau weiß worauf es ankommt – bis ins letzte Detail.

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Oh mein Gott, ein Ofen in der Wohn- und Essstube.

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Eine echte Couch – der Wahnsinn. Im gelben Vitrinenschrank Keramikgeschirr und Besteck vom Feinsten (in vielen Herbergen gar nicht angeboten!)

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Massive Holzbetten – kein Gewackel, wenn jemand die Leiter empor klettert. Schaut euch diese Matratzen an. Dick und fett – es fühlt sich an wie in einem Himmelbett. Und jetzt das Beste – eine richtige Bettdecke mit einem richtigen Kopfkissen. Alles ist so sauber und frisch. Ein Traum wird wahr!

Ich möchte erstmal kurz relaxen und gehe hinaus auf die Terrasse mit dem angrenzenden Garten ….. und dann ist mein Rosamunde-Pilcher-Feeling komplett ….. auf der angrenzenden Wiese befindet sich eine Pferd-Schaf-Familie. Sobald sich ein Pferd bewegt, trotten Papaschaf und Mamaschaf und die beiden Lämmer sofort hinterher. Wir sind nur getrennt durch die kleine Mauer. Leider ist mir das Foto gerade abhanden gekommen. Ich werde es noch suchen.

Die Wiese ist kurz vor Sonnenuntergang in seichten Nebel getaucht. Was für eine Idylle und Ruhe hier. Vielen Dank an Hugo – deine Herberge ist bei mir auf Platz 1 und das wird dir so schnell niemand streitig machen können.

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Es sind schon einige Mitpilger vor uns eingetroffen – unter anderem Anna und Andrea, die ich das erste Mal gestern am Fluß getroffen hatte. Und das deutsche Pärchen aus dem Kloster ist auch hier eingekehrt. So gibt es am Abend eine lustige Runde und viel Gesprächsstoff.

Wir genießen noch die saubere – perfekt eingerichtete Küche. Wir brutzeln uns Spiegeleier und genießen das komfortable Esszimmer und die wohlige Wärme des Ofens.

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Kurz noch eine Lagebesprechung für morgen. Ich kann es leider den Mädels nicht länger verschweigen – morgen müssen wir 32 km laufen. Bis zur ersten Herberge sind es nur 18 km – zu wenig für ein Tagesziel. Wir möchten spätestens am 16.04.2017 (Ostersonntag) in Santiago de Compostela einlaufen (noch ca. 185 km). Also müssen wir eine bestimmte Kilometeranzahl am Tag leisten. Nach den 18 km kommt die nächste Herberge erst in 14 km und somit wären wir dann bei 32 km insgesamt. Ich weiß, dass es eine Herausforderung sein wird. Es ist tagsüber heiß, es ist weit – aber ich versuche die Vorteile hervorzuheben. Dann haben wir erstmal ein bisschen vorgelegt. Die miserablen Lagen der Herbergen können wir nicht ändern. Und es geht morgen wieder ans Meer! Ok, Challenge einstimmig accepted. Ab morgen geht es dann zu dritt richtig los!

Etappe: Viana do Castelo – Areosa – Troviscoso – Carreco – Paco – 10 km

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2 Kommentare zu „Caminho Portugués – Tag 5

  1. Es ist wieder so spannend und so toll über deinen bzw euren Weg zu lesen, als wenn man selber dabei wäre. Die tollen Bilder dazu, immer wieder ein Erlebnis.
    Ich freue mich schon auf die Weiterführung, obwohl ich ja schon ein bisschen woanders lesen durfte.
    ganz liebe Grüße Annette

Ich freue mich über Deine Meinung!

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