Jakobsweg

Finaltag – Jakobsweg

Tag 11 – Heute ist der Tag der Ankunft – 26. Mai 2014.

Um 8.00Uhr muss ich die Herberge verlassen. Es sind nur noch 19km bis Santiago de Compostela. Nicht der Rede wert, bei den Etappen, welche bereits hinter mir liegen. Aber mein Körper signalisiert mir anderes. Mein rechtes Knie hat mir die Tage immer wieder mal zu verstehen gegeben – es reicht. Aber es ging. Heute scheint

es nicht mehr zu wollen. Jede Pedalumdrehung ist schmerzhaft. Ich rede mir ein – nur so lange, bis die Muskeln aufgewärmt sind. 19km …. Hallo??? Zwei Berge, wenn auch kleinere, fahrbare – liegen noch vor mir. Der erste Anstieg ist mühsam, aber ganz langsam finde ich meinen Trott wieder. Die Knieschmerzen bleiben. Ich nehme mir vor, bis Santiago durchzufahren – jetzt oder nie.

Doch plötzlich fällt mir ein, dass man als Radpilger auf den letzten 200km täglich 2 Stempel im Pilgerausweis nachweisen muss, um die Compostela zu erhalten. Ein paar Dörfchen habe ich schon passiert. Im nächsten Ort halte ich die Augen offen, denn zu dieser frühen Tageszeit ist es gar nicht so einfach, eine offene Bar zu finden, die dann auch hoffentlich noch einen Stempel hat.

In Lavacolla – 10km vorm Ziel – werde ich fündig. Ich nutze die Gelegenheit für ein kleines Frühstück und ich bekomme einen Stempel.

Danach geht es über San Marcos zum Flughafengelände, welches man weiträumig umfahren muss. Naja, wie soll man hier einen Stempel bekommen. Ich werde also versuchen, meinen zweiten Stempel in Santiago selbst zu erstehen.

Parallel zur Autobahn geht es nun bergab Richtung Santiago. Es dauert nicht lange und ich stehe vor dem Ortsschild. Ich warte auf eine Emotionswelle, welche aber ausbleibt. Zur Zeit stehe ich noch mitten in einem Vorstadt-Industriegebiet.

Ab jetzt verlasse ich die Straße und folge den gelben Pfeilen gemütlich auf dem Bürgersteig. Ich sehe einige Pilger – ok, es ist noch früh, aber ich hätte gedacht, dass es mehr sind. So langsam gelange ich in die Ortsmitte. Vor mir sehe ich einige Pilger, die stehen bleiben. Es ist der Punkt, von dem aus man zum ersten Mal einen Teil der Kathedrale sehen kann. Ich für mich, kann noch gar nicht richtig glauben, jetzt am Ziel zu sein. Ich erwarte, dass alles von mir abfällt, aber es stellt sich nichts ein. Dann bin ich an der Kathedrale – an der Rückseite. Zur Vorderseite – DEM ORT – muss ich eine steile Steintreppe hinunter. Ganz schön schwer das Fahrrad. Achja und helfen muss ja auch keiner …. natürlich nicht.

Und dann stehe ich vor der Kathedrale – zur Hälfte eingerüstet – altes, dunkles Gemäuer, fast wie der Kölner Dom. Ich hatte mir in meiner Vorstellung immer ein prächtiges, strahlendes und erhabenes Erscheinungsbild ausgemalt. Jetzt bin ich da und weiß gerade nicht so genau was ich machen soll. Ein Mann rettet die Situation – vielleicht hat er mich beobachtet – und fragt, ob er ein Foto von mir machen soll. Ein Foto – ja, klar – ich muss doch wenigstens ein Foto haben. Danke – wahrscheinlich hätte ich das auch noch vergessen.

Ich setze mich an der Seite auf eine Treppe. Genieße die leicht aufkommende Vorfreude auf zu Hause. Ich beobachte das Treiben, Neuankömmlinge, die übrigens oftmals ähnlich wie ich reagieren – bin da …. und jetzt?

Ich mache mich auf die Suche nach dem Pilgerbüro. Nachdem ich auf Nachfragen bei Anderen, wo das Büro denn sei, mind. 3x die Kathedrale – mit Steintreppen (!) – umrundet habe, muss ich selber lachen. Kann doch jetzt nicht so schwer sein, oder? Ich gehe in einen Souvenirladen und frage abermals. Diese Beschreibung stimmt dann tatsächlich; es befindet sich in einer kleinen Seitengasse. Die Menschen stehen schon bis auf die Straße. Das Büro befindet sich am Ende eines Innenhofes. 1,5h Schlange stehen.

Währenddessen lerne ich einen Mann aus Dänemark kennen. Er ist als Wanderpilger unterwegs, ist aber im letzten Jahr den Camino auch mit dem Fahrrad, zusammen mit seinen Söhnen, gefahren. Wir tauschen uns aus. Haben sogar mal in der gleichen Herberge übernachtet – was wirklich eher schon ein Zufall ist. Durch die Unterhaltung geht die Zeit schnell vorbei. Dann bin ich dran.

Ich muss sagen, eine tolle Organisation. Jeder wird einzeln zum nächsten freien Schalter eingelassen. Man hat Pilgerausweis und Pass schon in der Hand, weil ich hatte eine schnelle Massenabfertigung erwartet. Nein – die Dame hat mir in aller Ruhe zu meinem Erfolg gratuliert. Sie wollte wissen, wo ich gestartet bin und wie der Jakobsweg für mich war. Dann haben wir die Formulare ausgefüllt. Gestolpert bin ich über den Part „Herkunft“: Land – Deutschland; Stadt – Madrid – ähm, passt nicht ganz zusammen. Auch die Frau musste lachen und meinte, „Dann ist das jetzt so.“ Danach habe ich mich noch gefragt, ob ich den Geburtsort hätte angeben müssen, aber dies hatte die Frau verneint ….. naja.

Und dann erhielt ich meine Compostela und schon ein bisschen stolz ging ich an allen noch Wartenden draußen zu meinem Fahrrad zurück. Nun stand ich da. Fahrrad. Gepäck bestehend aus vollen Satteltaschen. DinA4 Urkunde in der Hand. Schlecht. Falten? Auf keinen Fall. Es sieht nach Regen aus. Mist. Also ab in die Fußgängerzone und einen Schreibwarenhandel suchen. Ich brauche einen verstärkten Umschlag oder so was. An einem Fotoladen werde ich auf die Fensterauslage aufmerksam. Hier kann man seine Compostela laminieren lassen. Perfekt. Das ist es. So konnte ich sie dann danach auf der Radseite der Satteltasche gut verstauen. Problem gelöst.

Zwischenzeitlich ist es 12.30Uhr. Ich habe bereits erfahren, dass die Pilgermesse entgegen meiner Information, nur einmal am Tag stattfindet – nämlich um 12.00Uhr. Dann müsste ich hier nochmal übernachten. Möchte ich? Eigentlich nicht. Und mein Mann will ja mit mir den Weg nochmal mit dem Auto abfahren und dann könnten wir das dann auch nachholen. Ok, ich lasse das Schicksal entscheiden – nur ein bisschen grob eingelenkt. Ich fahre zum Bahnhof und wenn ich heute noch einen Zug bekommen sollte, dann fahre ich nach Hause. Auf dem Weg zum Bahnhof fängt es an zu regnen. Zudem habe ich Hunger und beschließe vorher noch etwas zu essen. Proviant habe ich keinen mehr, bis auf eine Dose Thunfisch. Und sollte ich einen Zug bekommen, werde ich stundenlang unterwegs sein. Ich bin zur Zeit ca. 630km von zu Hause entfernt.

Nach einem Hamburger und Salat bin ich zufrieden. Draußen regnet es immer noch. Und das erste mal stellt sich Erleichterung bei mir ein – es kann jetzt 5 Tage regnen, mich muss es nicht mehr stören. Juhuuuuu …..

Am Bahnhof angekommen ist die erste Hürde die Türe. Ein großes Verbotsschild weist darauf hin, dass Fahrräder im Gebäude verboten sind. Ohje, mir schwant Böses. Für alle die, die den Kampf um ein Ticket am Anfang der Reise von Madrid nach Pamplona nicht mitbekommen haben – es hat ganze 4 Tage gedauert. In Spanien mit dem Zug zu fahren MIT Fahrrad ist mehr als unüblich.

Am Schalter wird mir gesagt, dass ich nur mit dem Zug fahren darf, wenn das Fahrrad die Maße 1,20×0,90m nicht überschreitet und verpackt ist. Oh. Und nun? Um die Ecke gibt es ein Kiosk, die das machen. 10 Euro. Dafür muss ich aber mit dem Fahrrad durch den Bahnhof. „Ja, ausnahmsweise.“, tönt es von meinem Gegenüber. Wie gnädig ……

Der Kioskbesitzer sieht mein Fahrrad, schüttelt den Kopf und sagt „wie soll das denn gehen?“. Hatte ich schon erwähnt, dass ich ein 29″Zoll-Fahrrad habe? Ich flehe ihn an, er darf alles abbauen, nur nicht den Rahmen zersägen. UND er baut alles ab. Räder, Lenker, Pedale, Gepäckträger, Satteltaschen muss ich nehmen. Er gibt wirklich alles. Es wird geschnürt, verklebt, mit 100 Kabelbindern festgezurrt und dann ist es fertig mein Päckchen. Satteltaschen – ca. 15kg. Und Fahrrad in Plaste. Hmmm, bisschen viel Gepäck für eine Person zum Tragen. Der nette Herr sieht mein Gesicht und sagt, ich könnte das Fahrrad bei ihm lassen bis der Zug abfährt. Vielen Dank dafür!

Ich kaufe mein Ticket. 16.05Uhr Direktzug nach Madrid – Ankunft 21.48Uhr. Ich freue mich riesig. Heute noch nach Hause – das hätte ich heute morgen noch nicht gedacht. Und da kam der Moment, wo alles von mir abgefallen ist. Mein Fahrrad war verpackt. Ich musste es erst mal nicht mehr fahren. Ich gönne mir einen Kaffee und warte auf die Abreise – noch 2 Stunden.

Der Zug fährt ein. Ich stehe am Gleis mit einem Gepäcktrolly. Die Züge halten nicht lange. Ich hatte die Dame vorher gefragt, ob ich mit dem Fahrrad in einen speziellen Waggon muss oder ob es egal ist. Ist egal.

Natürlich hilft mir auch hier keiner. Aber ich schaffe es ganz gut, habe nur keine Zeit mehr den Trolly wegzufahren – na, dann freut sich jemand anderes über den Euro.

Ich stehe nun im Gang zwischen zwei Waggons und weiß nicht so recht, wohin mit meinem Fahrrad. Die Türen gehen zu. Der Zug fährt los. Ich muss nicht lange auf den Schaffner warten. Er guckt mich an, sieht mein Gepäck und lässt eine spanische Tirade vom Feinsten los. Ich verstehe nur die Hälfte, aber ich verstehe was er mir sagen will. An der nächsten Station soll ich aussteigen. Fahrräder im Zug verboten. Moment, ich habe ein Ticket. Halte es ihm unter die Nase, aber es interessiert ihn nicht die Bohne. Er wiederholt immer wieder, dass Fahrräder im Zug verboten sind. Bei mir startet ein Kopfkino: Ich werde diesen Zug nicht verlassen. Dann muss er mich mit Gepäck eigenhändig rausschmeißen. Kann ich die Polizei verlangen? Bekomme ich das Geld für das Ticket wieder. Wie komme ich dann nach Hause?

Ein zweiter Schaffner gesellt sich dazu. Schnell bekomme ich mit, dass er versucht den anderen Choleriker zu beruhigen. Er sagt im ebenfalls, wenn man mir ein Ticket verkauft hat, dann müssen sie es auch einlösen. Ich sehe eine 4-Sitz-Gruppierung – alles frei. Ich frage, ob ich das Fahrrad nicht dort mit reinstellen kann. Ein schroffes „Nein“ ist die Antwort. Letztlich hat der freundliche Schaffner mir einen Platz gesucht und gefunden – 2 Waggons weiter. Ich soll mein Fahrrad bitte dort hinbringen. Als ich ihm sage, dass ich das nicht kann – wie bitte soll ich das Fahrrad ALLEINE durch die engen Sitzreihen bekommen? Rollen kann es nicht mehr und ich bin nicht Hulk. Jetzt habe ich auch ihn bis auf´s letzte ausgereizt. Widerwillig zerrt er an meinem Fahrrad und trägt es mit mir durch 2 Waggons. Ich hole noch schnell meine Satteltaschen und setze mich still und leise hin – nur keinen Mucks, nur nicht weiter auffallen, ich will jetzt nur nach Hause.

Es klappt. Selbst mein Ticket wollte niemand mehr kontrollieren. Ich nutze die Zugfahrt, um erstmalig den Jakobsweg Revue passieren zu lassen. Aber die Vorfreude auf zu Hause ist immer wieder stärker. Worauf freue ich mich – natürlich abgesehen von meiner Familie? Ein gefüllter Kühlschrank, ein ausgiebiges Bad mit komplettem Wellnessprogramm, mein Bett, eine Waschmaschine (wahrscheinlich muss ich meine Sachen 3x hintereinander waschen), Wärme – vor allen Dingen Wärme. Ich möchte nicht mehr frieren müssen.

Mein Mann holt mich am Bahnhof ab. Die Freude ist riesig. Und es ist warm. Zwar schon dunkel, aber immer noch 22 Grad. Herrlich. Die Autofahrt ist komisch. Der Blick zur Straße so ungewohnt – ich hatte 11 Tage eine andere Perspektive.

Zu Hause warten die Kinder, obwohl es schon sehr spät ist. Schön, euch wieder zu haben.

Unsere Wohnung kommt mir plötzlich vor wie ein Luxuspalast. So groß, so sauber, so ordentlich …. alles erscheint so ungewohnt. Ich ermahne mich selbst – sooooo lange warst Du jetzt auch nicht weg. Aber ich kann es nicht ändern. Alles erscheint mir als Luxus. An den gefüllten Kühlschrank zu gehen und auszuwählen zwischen Saft, meiner geliebten Cola light, meiner so vermissten kalten Milch. Und so geht es mir im Prinzip auch einen Tag später noch. Scheinbar hat man sich so in die Rolle eines Wald- und Wiesenmensches hineinmanövriert, dass die Umstellung – auch nach 11 Tagen – enorm erscheint. Mir wird bewusst, dass 11 Tage keine Spur von Gemütlichkeit gegeben war. Entweder saß ich auf dem Fahrrad und ob in einer Bar oder in der Herberge – du warst nie alleine oder konntest Dich zurückziehen. Du hast Zeit unter anderem mit Menschen verbracht, die Du in Deinem wirklichen Leben meiden würdest – und das auf engstem Raum. All das kommt zur Zeit hoch und war mir währenddessen nicht bewusst. Der ein oder andere kuriose Gedanke wird mir mit Sicherheit noch entspringen. Ich werde auch noch einige Nachträge zum Jakobsweg veröffentlichen; aber jetzt versuche ich mich erst wieder in mein – gewolltes – Leben zurück zu finden.

Euch allen, die mich hier in meinem Blog begleitet haben, VIELEN DANK für eure Treue.

 

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8 Kommentare zu „Finaltag – Jakobsweg

    1. Vielen Dank. Es hat mir auf der einen Seite Spaß gemacht, die Erfahrungen zu teilen – aber es war für mich auch mental sehr wichtig, alles was mich bewegt hat, nieder zu schreiben. Danke für die Begleitung auf meinem Jakobsweg.

  1. Boah, warum sitze ich hier und weine? Ich bin echt durchgeknallt.

    Das hast Du so toll geschrieben. Und ich bin froh, dass du heil wieder angekommen bist. Es waren doch etliche Gefahren mehr denen Du ausgesetzt warst, als ich vorher gedacht hatte. Gut, ich hatte mich ja nur am Rande damit beschäftig, ala wie klasse ist dass denn, Natalie fährt mit dem Fahrrad den Pilgerweg. ABer was da alles im Einzelnen dahintersteckt, da machst Du dir ja als Außenstehender nicht wirklich detaillierte Gedanken.

    Die Vorstellung, dass Du da kilometerweit mutterseeelen allein unterwegs warst……….ach Du meine Güte. Was ein Wahnsinn!!! Und dann die bekloppten Busse, die Du zu nah kamen. Mein Gott, da stellen mir sich noch die Nackenhaare auf!!!

    Gigantisch, wahnsinnig, mutig, hervorragend dass Du das so durchgezogen hast. Ich drück dich aus der Ferne.

    1. Hallo Annette,
      vielen Dank auch an Dich für Deine tolle Begleitung. Schön, dass Dir meine Beiträge gefallen. Aber weinen musst Du nicht. Es war mein Weg und auch die etwas schattigeren Wegabschnitte gehören dazu. Jetzt bin ich ja wieder gesund zu Hause angekommen und ich geniesse zur Zeit einfach wieder bei meinen Lieben zu sein. Es war ein Abenteuer – durch und durch. Es hat alles übertroffen was ich erwartet hatte – leider auch nicht immer nur im positiven.

  2. Congratulations on your successful journey to Santiago. I thoroughly enjoyed your posts and writing style (even if I had to translate it from German to English with my meager skills). You’ve done a very amazing thing.

    Vielle Glueck!

Ich freue mich über Deine Meinung!

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