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Zurück ins Leben – Jakobsweg

Nun sind ein paar Tage vergangen, seitdem ich wieder zu Hause bin. Und wie ich so oft bei anderen Pilgern gelesen habe, verging auch bei mir kein Tag, an dem ich nicht an meinen Camino gedacht habe. Im Gegenteil – immer wieder schaue ich mir die Bilder an – ich gucke noch mal in die Etappenprofile, da ich das ein oder andere Dorf meinen Bildern nicht zuordnen kann. Zuviele sind es einfach gewesen. Details kommen mir wieder in Erinnerung.

Mein Gesamteindruck meines Caminos hat sich entgegen meinem ersten Fazit von unterwegs zum Positiven gewandt – nicht vergessen habe ich die Kälte und die Nässe, aber letztlich bleibt unterm Strich – ich habe es geschafft. Natürlich ist es hier in Madrid viel wärmer und ich geniesse das Wetter umso mehr seitdem.

Ich habe zwei Tage gebraucht, um „anzukommen“. Die Gedanken frei zu bekommen. Gedanklich umzusetzen, dass ich mich morgen und übermorgen nicht in der früh auf´s Fahrrad setzen muss. Dieser Rhythmus war wirklich eingebrannt.

Ebenso musste ich mich an den „Alltagsluxus“ gewöhnen. Krass, waren es doch wirklich nur 11 Tage, die ich unterwegs war. Trinken zu können, wenn man Durst hat. Essen zu können, wenn man Hunger hat. Mal ganz abgesehen, von der Vielfalt der Nahrungsmittel, welche man im Alltag zur Verfügung hat. Da würde ich im Normalfall nicht einfach nur zu einem trockenen Stück Brot greifen, wie ich es unterwegs mit meinem Notproviant gehandhabt habe. Und genau dies sind die Momente, wo das Gedankenkarussell zu drehen beginnt. Ich finde diese Momente sehr wertvoll. Es nimmt einem den Anspruch der Selbstverständlichkeit. Es gibt einem das Gefühl von unendlicher Dankbarkeit. Dankbarkeit darüber, dass es meiner Familie und mir so gut geht.

Ähnliches hatte der Film „Streben nach Glück“ einst in mir ausgelöst. Dieses Drama eines Vaters, der Nacht für Nacht für sich und seinen Sohn einen Schlafplatz suchen muss. Ein Dach über dem Kopf zu haben und noch dazu trocken und warm wohnen zu können, dass ist leider vielen Menschen auf unserem Planeten nicht gegeben.

Auf meinem Camino hatte ich jeden Abend ein Dach über dem Kopf und letztlich war mir auch warm. Und doch muss man alle Alltagsgewohnheiten, Lebensstandards und Status über Bord werfen. Aber eines ist in „beiden Leben“ gleich – man muss ein Ziel vor Augen haben. Auf dem Camino ist es ein lokales Ziel – Santiago de Compostela zu erreichen. So war es zumindest für mich. Die Zeit war mir egal. Die tägliche Kilometerleistung war auch nicht festgelegt. Eher war die Hoffnung immer wieder vorherrschend. Hoffentlich habe ich gutes Wetter. Hoffentlich habe ich keine Panne. Hoffentlich ist der Anstieg nicht zu hart. Hoffentlich treffe ich nette Leute in der Herberge. Hoffentlich werde ich nicht krank.

Meinen Alltag kann ich planen, organisieren und strukturieren. Der Alltag auf meinem Camino hatte so viele „Unbekannten“, die nicht zu planen, organisieren und zu strukturieren waren. Und genau dies ist der Punkt, der mir den Camino im nachhinein so wertvoll macht. Dies war mir im Vorfeld nicht so bewusst – aber jeder einzelne Tag war eine persönliche Herausforderung: Physisch, mental und nicht zuletzt emotional.

Die Natur hat mich begeistert. Ich habe 7 spanische Provinzen durchfahren – das hört sich für mich nach wie vor irre an. Navarra, La Rioja, Burgos, Palencia, León, Lugo und La Coruna. Natürlich hat jede einzelne Region, seinen ganz eigenen Charakter.

Auch hier sehe ich viele Blumen, Sträucher und Bäume, welche ich auf dem Camino in Massen wahrgenommen habe. Aber so schweifen bei jedem einzelnen Ginsterbusch hier vor Ort die Gedanken sofort auf den Camino.

Physisch musste ich mich auch generieren. Nach 2 Tagen war die stetige Muskelhärte in den Beinen verschwunden. Ich konnte mich absolut schmerzfrei wieder bewegen. Nur mit wieder erlangter Bewegungsfreiheit setzte offensichtlich eine Regenerationsphase meines Körpers ein – schlafen, schlafen, schlafen. Und so geht es mir auch heute nach 5 Tagen – ich bin stetig müde und erschöpft. Aber nicht antriebslos oder unmotiviert – ich denke einfach, dass der Körper sich gerade nimmt, was er braucht um wieder zur alten Konstellation zu finden.

Mir geht es gut. Ich erfreue mich meiner Erinnerungen, ich lese viel von anderen Pilgern, schaue mir deren Bilder und Impressionen an und freue mich wie ein kleines Kind, da ich vieles wieder erkenne oder ähnliches fotografiert habe.

Ich kann sagen, dass es einen weiteren Camino für mich geben wird. Welchen? Dafür ist es zu früh. Aber wieder mit dem Fahrrad, das steht schon fest ……

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