Jakobsweg

Pilgertourismus – Jakobsweg

Tag 10: Der Tag startet trocken aber recht frisch. Von Peter habe ich ja schon heute morgen berichtet. Als ich so vor mich hin fahre, muss ich viel über ihn nachdenken. 25kg auf dem Rücken, das ist der reine Wahnsinn. Möge sein Weg ihn in die richtige Richtung weisen….
Die Etappe beginnt mit einem 10km Anstieg. Gut zum Aufwärmen, aber

doch ganz schön lang. Der Wanderpilgerweg liegt direkt auf der anderen Straßenseite und so sehe ich heute viele Fußpilger. Viel mehr als sonst. Naja klar, wir befinden uns ja auch auf den letzten 100km vor Santiago, fällt mir ein. Für die Fußpilger gilt die Voraussetzung mind. diese Strecke zurück gelegt zu haben, um auch die begehrte Compostela zu erhalten. Für Fahrradpilger gilt das übrigens für die letzten 200km vor Santiago.
Der Anstieg nimmt kein Ende und ich fahre im fast kleinsten Gang vor mich hin. 500m vor mir sehe ich einen Fahrradfahrer – das Fahrrad am Schieben. Als ich näher komme, sehe ich, dass es eine Frau ist. Die erste Frau mit dem Fahrrad ALLEINE. Ich fahre ran; natürlich hat sie mich schon bemerkt. Ich bleibe neben ihr stehen und frage auf englisch, ob alles in Ordnung sei. Ein paar Minuten erfolgt ein Austausch über diesen langen Berg, die Kälte, unser Ausgangspunkt – alles auf englisch. Bis die Dame meinen Reiseführer sieht und meint „dann können wir aber jetzt auch deutsch sprechen“. Herrlich. Sie ist mir sehr symphatisch. Sie kommt aus München. Seit drei Wochen in Rente. Wir lassen gemeinsam die letzten Tage Revue passieren und scheinen seelenverwandt zu sein.
– Denn es gibt ein Thema, zu dem ich mich in meinem Blog bewusst noch nicht ausgelassen habe; dies aber nachholen werde, sobald ich in Ruhe zu Hause angekommen bin. Dabei geht es lediglich um eines: Die Intoleranz VIELER – DER MEISTEN – Wanderpilgerer gegenüber uns Fahrradpilger. –
Die nette Frau hat ganz viele schlechte Erfahrungen machen müssen. Ich kann es ihr nachempfinden, wie es sich anfühlt, denn ich war leider auch oft in der Situation. Sie wurde als „Pilger zweiter Klasse“ angegangen. Sie wurde genauso wie ich in der Herberge „ausgeschlossen“. Und nur soviel vorweg: Ich habe es einen Tag ausprobiert. Normalerweise geht man so wie man ankommt – mit Helm, Fahrradschuhe und Satteltaschen – zu seinem Schlafplatz. Einen Tag habe ich das nicht gemacht. Ich habe Helm und Schuhe ausgezogen und die Satteltasche vor dem Duschraum stehen lassen. Und siehe da: „Hallo. Wie geht’s?“ Sonst war das nieeeee der Fall. Auch heute hier in der Herberge bin ich wieder die einzige mit Fahrrad. Keine Chance. Selbst wenn Du die Leute ansprichst; du merkst es, du merkst es einfach. Aber dazu irgendwann mehr ….
Auf jeden Fall tat mir die Frau leid. Sie hat sehr darunter gelitten und hatte eine ganz andere Vorstellung. Haben doch eigentlich alle das gleiche Ziel – von persönlichen Hintergründen abgesehen – Santiago de Compostela. Die Frau fragte mich hoffnungsvoll, ob ich den Sinn meines Weges schon erfasst hätte – ich musste es verneinen – aber nach einem deprimierten Schweigen, konnten wir beide darüber lachen. Leider musste ich sie zurück lassen, da es ihr zu steil zum Fahren war. Als ich schon ein gutes Stück entfernt war, fiel mir erst auf, dass wir unsere Namen gar nicht genannt hatten. Schade.
Die Landschaft ist heute relativ unattraktiv. Ich mache kaum Fotos – und das will was heißen. Also fahren und genießen. Bald ist die Tour zu Ende. Ich mache immer wieder Kaffeepausen.
Und dann fallen einem die Busse auf. Stellenweise auf versteckten Waldparkplätzen. DAS ist also der Bustourismus, von dem man immer gelesen hat. „Pilgergruppen“ steigen aus, holen sich einen Stempel. Trinken noch einen Kaffee oder ein Bier und dann geht es wieder in den Bus. Das ist doch jetzt wirklich Spott auf alle Pilger. Ihr hättet die Leute sehen müssen. Mit Handtäschchen, Slipper, schneeweißen Söckchen – Leute, das glaubt euch doch kein Mensch. Ich merke wie ich mich aufrege. Schreibe das meiner Mutter und die meint nur: „Kind, reg dich nicht auf!“ Recht hat sie. Tssssss, ich fahre einfach weiter.
Und dann passiert es. Ich bin jetzt seit 700km auf dem Camino und ich fahre auch heute auf dem ausgeschilderten – mit Warnschilder für die Autofahrer – ausgewiesenen Fahrradpilgerweg und da hupt mich einer dieser Busse an ….. ???? Kurz darauf der nächste???? Ich werde sauer. Ich fluche vor mich hin wie ein Rohrspatz.
Ca. 15km weiter in einer kleinen Ortschaft – Stau. 4 Busse rangieren in zweiter Reihe am Straßenrand. DIE Busse. Ich halte an und sehe zu, wie die Pilgertouristen aussteigen. Direkt vor der Türe eines großen Restaurants. Läuft das wirklich so ab? – will ich wissen. Ich stelle mein Fahrrad ab. Gehe hinein und bestelle mir an der Theke eine Cola. Aha, die Herrschaften werden hier zu Mittag essen. Ich frage den Wirt, ob sie einen Pilgerstempel haben. Si. Ich stemple meinen Pass ab und da kommt – ich nehme an – der Busfahrer. Mit einem Packen oder besser Stapel Pilgerausweise in der Hand. Was er damit macht, muss ich wohl jetzt nicht weiter ausführen.
Ich fahre noch ca. 50km weiter heute. Keiner hupt mich mehr an. Aber all diese Busse – von mir alleine mind. 20 gesehen – haben mich irgendwann überholt. Sicherheitsabstand gefühlte 10cm und die Herrschaften stellenweise am Schlafen – müde vom Essen.
Ich komme letztlich wieder in strömenden Regen und rette mich 25km vor Santiago in eine Herberge. Ich weiß nicht was mich morgen in Santiago erwartet. Bekanntlich muss man für seine Compostela am Pilgerbüro – oft stundenlang – Schlange stehen. Seit heute hat das einen sehr üblen Beigeschmack für mich …..

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2 Kommentare zu „Pilgertourismus – Jakobsweg

  1. Das ist ja wohl der Oberhammer!!! Oh man, da fallen mir aber jetzt ganz, ganz üble Worte für ein und das du dich aufregst, dass kann ich ja wohl mit recht verstehen!!! Boah!! Das nennt sich Pilger? Mit dem Bus vorfahren, den Busfahrer reinschicken und Stempel holen????? Hallo???
    Oh toll, dass kann ich auch. *Ironieoff* Das kann doch wirklich nicht wahr sein, dass ich dann am Ende noch Leute damit brüsten, ich war auf dem Pilgerweg.

    Ich muss aufhören, sonst schreibe ich sonst noch was…………………..

    1. Ja, ich könnte mich auch heute noch darüber sehr aufregen. Ich kam an einem Montag in Santiago an und ich habe „diese“ Pilger nicht dort gesehen. Ich vermute mal, dass es sich dabei wirklich um „Wochenend-Kaffeefahrten“ handelt. Ich wurde zumindest in Santiago davon verschont.

Ich freue mich über Deine Meinung!

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