Jakobsweg

Reif für die Klapsmühle – Jakobsweg

Eigentlich versuchte ich ja bisher am gleichen Tag zu berichten. Aber der Tag 4 – 19. Mai 2014 – war echt hart für mich.
Der Morgen begann nach einem Frühstück bei empfindlichen 7 Grad. Das ist auf dem Fahrrad definitiv kalt. Aber ich wusste, dass mir nicht lange kalt sein wird, denn es beginnt mit einer Überquerung eines Passes von 1200hm – 13km. Übrigens ist das Schlimmste,

während du dich mit einem Minimum an Atemluft dort hinauf strampelst, wenn dann ein Schweinelaster an dir vorbei fährt. Dieser Geruch bleibt bei dir für die nächsten 2km.
Oben angekommen – mit brennenden Oberschenkeln – hat man erstmal das Gefühl: So, das reicht für heute. Leider war es da erst 09.45Uhr, d.h. noch ca. 8h vor einem liegend. Ok. Meter für Meter. Du darfst dich nicht überbeanspruchen, Natalie.
Um 10 Uhr beginnt der Wahnsinn des Tages – eigentlich erst für 13Uhr angekündigt – Wind! Oder man kann schon sagen: Kleiner Sturm. Ich muss euch jetzt nicht erklären aus welcher Richtung? DEN GANZEN RESTLICHEN TAG von vorne. Ich war genervt. Meine Genervtheit schlug schnell um in Wut. Wut auf den Wind? Keine Ahnung, offensichtlich. Aber es änderte sich nichts. Der Weg änderte sich in groben Schotter. Ich kam gefühlt Zentimeter für Zentimeter voran. Stein für Stein habe ich gesehen. Ich wusste, dass noch 3 Hochebenen auf mich warten. Das heißt somit auch 3 Abfahrten. Leute, ich habe es ausprobiert. Ich habe rollen lassen …. bringt aber nichts, denn dann wäre ich einfach umgefallen. Ich habe ernsthaft überlegt NICHT über diesen Tag zu berichten: Am Abend war ich körperlich fix und fertig. Meine Oberschenkel brannten wie Feuer, ich war genervt, weil ich mich so hineingesteigert habe. Ich war nass geschwitzt und dennoch war mir kalt – vom Wind. Ich hatte Hunger und wollte unter die warme Dusche. Ich erreiche mein Etappenziel. Im Reiseführer steht, dass es sich um ein verfallenes, scheinbar verlassenes Dorf handelt – Castrojeríz. Es gibt 2 Herbergen dort im sanierten Ortskern. Ich erreiche dieses Dorf und sehe all diese Ruinen, aber auch relativ moderne Einfamilienhäuser mit zugemauerten Fenstern und Türen. Verlassenes Dorf ist untertrieben. Es sieht so aus, als wäre alles fluchtartig verlassen worden und der letzte war Maurer. Was ist hier passiert? Heute weiß ich, dass es auch wahrscheinlich mit meiner Missstimmung (mit 3 „s“?) zu tun hatte – aber in dem Moment dachte ich: Hier kannst du nicht bleiben. Es hat mir die Kehle zugeschnürt. Ich kam mir vor wie in einem Film. Weiterfahren? Ich kann nicht mehr. Ok, Herberge suchen. Da ich sie nicht finde, frage ich einen alten Mann. Dieser versteht mich nicht – ich brülle ihn fast an. Achtung WICHTIG: Ich nehme meinen Reiseführer heraus und zeige ihm den Namen der Unterkunft und er kann wenigstens lesen. 2km sagt er. Ok, das schaffe ich jetzt noch. Diese 2km GEGEN diesen harten Wind gaben mir den Rest. Im sanierten Ortskern frage ich erneut. Ja, hier vorne ist die Herberge, aber die hat heute zu! What? Ich spüre wie mir die Tränen kommen. Beruhig dich, Natalie! Ich fahre trotzdem gucken. Zu.
Ich schaue mich um und sehe ein Haus mit einer klitzekleinen Jakobsmuschel (das Symbol des Jakobsweges). Ein Refugio auf Spendenbasis. Sozusagen eine Notunterkunft. Ok, mache ich. Die erste Amtshandlung ist immer das Vorzeigen des Pilgerausweises (Stempelbuch, welches belegt dass du wirklich auf dem Jakobsweg unterwegs bist) und des Ausweises. Den Pilgerausweis habe ich immer im Reiseführer – sozusagen als Lesezeichen. Nicht da. Er ist weg. Er ist nicht da. Eben hatte ich ihn noch. Ich weiß es. Er ist weg. Panik! Wann das letzte Mal? -überlege ich – ja, als ich den alten Mann befragt habe. Ohne diese Dokument kommt man nicht in die Herbergen rein. Alle bisher gesammelten Stempel nichtig. Nada. Kein Beleg mehr, dass ich ab Pamplona gestartet bin – für die Compostela in Santiago am Ende des Weges. Das war’s – jetzt war ich restlos am Boden. Mir tat alles weh. Körperlich, seelisch, mein Magen, und selbst beim Schreiben jetzt – kann ich es noch nachempfinden. Der ein oder andere wird vielleicht jetzt darüber schmunzeln. Ich weiß nicht, was da los war. Heute – einen Tag später – verbuche ich es als Jakobsweg-Flash. Was habe ich gemacht? Ich bin zu der Stelle zurückgefahren – 2km – die einzigen an dem Tag mit Rückenwind. Was ich mir dabei gedacht habe? Bei dem Wind wäre der Pass schon in Santiago angekommen. 2km wieder zurück zum Refugio.
Ich habe trotzdem Einlass erhalten – mit Sicherheit aus Mitleid. Mir wurde erklärt wie ich am nächsten Tag einen neuen Pass erhalten kann. In einem Ort, 25km entfernt.
Dann wurde mir mein Schlafplatz gezeigt. Gut? Ja, gut, vielen Dank. Und DANACH kamen die Regeln. Kein Handy im Schlafsaal. Kein Aufladen innerhalb des Refugios. Niemand darf vor 6.30Uhr aufstehen. Wecken erfolgt durch Musik. Anschließend gemeinsames Erscheinen zum Frühstück im 1. OG. Spätestens hier habe ich das erste Mal an eine Verschwörung gedacht. Auch als ich dann endlich duschen ging, komplett eingeseift war und danach nur noch eiskaltes Wasser aus der alten Überputzleitung kam. Eiskalt. Mir war eh schon kalt. Und das die Toilette IM Schlafraum war – Türe oben und unten offen – war auch nicht gerade mein Ding. Jetzt habe ich es doch niedergeschrieben – aber ich kann ja jetzt schon verraten: am Tag 5 war die Welt wieder in Ordnung. Ich weiß, dass so viele Menschen hinter mir stehen. Und das nächste Mal werde ich mich genau darauf besinnen und versuchen das einfach weg zu lächeln. Ich weiß bis jetzt nicht was da genau an Tag 4 mit mir passiert ist. Zumal gerade an diesem Tag die Landschaft atemberaubend war. Tag 5? Folgt morgen …… Schlaft gut und werdet mir nicht verrückt ….

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6 Kommentare zu „Reif für die Klapsmühle – Jakobsweg

  1. Oh Natalie, das liest sich ja ganz schrecklich:-(((((( Wie schön, dass du uns „Hoffnung“ für den 5. Tag machst. Weiterhin alles Gute.

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