Jakobsweg

Weitere 74km – Jakobsweg

Der dritte Tag liegt hinter mir. Um 5Uhr war die Nacht vorbei. Viele Pilger, die sich so früh auf den Weg machen, bekommen es einfach nicht gebacken ihre Sachen zurecht zu legen. Frühstück stelle
ich mir selbst aus meinen Resten vom Vortag zusammen. 8Uhr sitze ich auf dem Rad. Boah, ist das kalt. Hoffentlich ist mein Immunsystem intakt. Nach 2km geht es an den ersten Anstieg. Ich vergaß – ich bin ja im Bergland hier. Muskeln werden schnell warm, wobei mir durchaus noch die Strapaze von gestern in den Knochen hängt. Heute werde ich es ruhiger angehen UND regelmäßig essen – bevor der Hunger und damit auch die schlechte Laune kommt.
Nach einem Anstieg von knapp 200 Höhenmeter – dies hat übrigens nichts mit der Kilometeranzahl zu tun – bin ich nass geschwitzt. Bei der anschließenden Abfahrt kriecht mir die Kälte durch und durch. Ich fahre in den nächsten Ort. Alles schläft und es ist zudem Sonntag. Hoffentlich finde ich ein sonniges Plätzchen und einen heißen Kaffee. In Najera werde ich fündig. Kompletter Kleiderwechsel und in der Sonne auftauen.
Das Dörfchen wacht langsam auf und ich bereite mich für die Weiterfahrt vor.
Die nächsten 13km geht es nur bergauf. Ich lasse mir Zeit – Meter für Meter ist heute meine Devise. Nur nicht auspowern.
In Santo Domingo schaue ich mir die Stadt an und – natürlich wieder essen.
Da das ganze Fahrrad mit Gepäck beladen ist, kann ich dieses nicht einfach stehen lassen. Schwierig, wenn ein Toilettengang ruft. Bisher habe ich englische oder spanische Pilger gefragt, ob sie ein Auge auf mein Radl werfen können. Kein Problem. Heute habe ich zwei deutsche Pärchen gefragt, die ebenfalls im Café an einem Tisch saßen. Hmmmm, naja, also eigentlich seeeeeehr ungern. Whaaat??? Naja, das ist ja dann schon eine große Verantwortung. Wenn das Fahrrad dann weg ist ….. What the f…..!? Sprachlos frage ich am Nachbartisch – Holländer. Kein Problem, ich solle mir Zeit lassen. Schnell noch einen tötenden Blick zu den glotzenden 4 geworfen …… tssssss.
Auf dem Weg nach Belorado – mein heutiges angedachtes Etappenziel – schaue ich mir jedes Dorf genauer an. Alles liegt in sonntäglicher Ruhe. Schön.
In Belorado ist ein reges Treiben. Heute ist hier der Tag der Erstkommunion. Ich kaufe mir eine Cola und beobachte das festliche Ambiente. Die Sonne brennt zwischenzeitlich vom Himmel und mir ist heiß. Weit fahren will und kann ich heute nicht mehr. Ich suche die örtliche Herberge auf und frage, ob sie mir in Villafranca – 10km weiter – ein Bett reservieren können. Gute Idee, wie sich herausstellt, denn hier wäre schon wieder kein Platz gewesen. Ja, ich bekomme ein Bett. Also fahre ich los. 10km ist doch ein Klacks. Da hatte ich aber mal wieder die Rechnung ohne Hitze und Anstiege gemacht. Aber egal, Meter für Meter.
Die Herberge in diesem 200-Einwohner-Dorf befindet sich in der alten Dorfschule. Somit große Zimmer. Yepp, Rekord – heute nächtige ich in einem 20-Mann-Zimmer. Alles belegt. Abendessen mache ich selber. Nudelsalat, Muscheln, Oliven, Tunfisch, Baguette. Über Tag esse ich ja nur kleine Mengen. Ich glaube am Abend würde ich zur Not auch Hundefutter essen. Hauptsache Energie.
Die erste Aktion nach Einzug in eine Herberge ist Handy aufladen, parallel duschen gehen und heute ist bei mir Waschtag. Die Wäsche hänge ich im Schulhof auf. Nett.
3 Tage, bei allem was ich gesehen habe, kommt es mir vor, als wäre ich mindestens schon eine Woche unterwegs. Im Vorfeld hatte ich mir vorgenommen, jeden Tag für einen Person zu fahren und mich dann auch gedanklich mit dieser Person auf den Tagesweg zu begeben. Das muss ich revidieren, denn das klappt nicht. Die Gedanken schweifen hin und her. Da sieht man etwas, was einen an vergangene Frankreichurlaube erinnert, dann sieht man einen Hund und denkt an die eigenen, dann fährt man an einer Schule vorbei und denkt an seine Kinder. Keine Kontrolle. Abgesehen von der tollen Landschaft. Zwar mache ich viele Bilder – aber man kann es bei weitem nicht festhalten. Hier sein zu dürfen, den Sommer zu riechen …. unbeschreiblich. Ich fühle mich wohl – im Zeitalter des Smartphones hat man regen und auch visuellen Kontakt mit der Familie – ohne dies würde ich es wohl nicht aushalten. Meine Family steht ganz und gar hinter mir – und das macht mich sehr stolz.
Das war’s von heute. Gute Nacht ihr Lieben. Ich brauche heute wohl etwas länger zum Einschlafen – denn nicht nur, dass ich im Stockbett wieder oben liegen muss, nein, die haben auch die Seitengitter vergessen. Ich will nicht da runter fallen … also drückt mir die Daumen. Bis morgen.

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