Jakobsweg

Platt wie ein Brötchen – Jakobsweg

Zweiter Tag vorbei. Die Nacht ist trotz 12-Mann-Zimmer gut gelaufen. Bis 5:00 Uhr habe ich geschlafen wie ein Murmeltier. Dann ging der große Trubel los. An Schlafen ist dann nicht mehr zu denken. Jeder räumt und raschelt im Zimmer herum. Aber egal, da meistens gegen 22:00 Uhr Bettruhe ist, ist man ausgeschlafen. Ich beobachte ein wenig das Gewusel und mache mich dann auch fertig und bin um 7:00 Uhr beim Frühstück. Danach packe ich meine Sachen zusammen, bestücke mein Fahrrad und gegen halb neun geht es dann los.
Ich verlasse Puente de la Reina und fahre auf der Landstraße parallel zum Wanderweg. Was mich wundert,

weit und breit kein Fahrradfahrer. Wanderer sehe ich einige. Die Tour hat es in sich. Gefühlt bin ich heute 80% bergauf gefahren. Mein erstes Ziel ist Estella. Ca. 24km. Bis dahin hat man dann aber auch schon zwei Plateaus überwunden. Im Ort gönne ich mir einen Kaffee und mache ein bisschen Sightseeing. Generell muss man sagen, dass man durch wunderschöne, alte, romantische Dörfer beziehungsweise Kleinstädte kommt. Gerne würde man viel mehr Zeit verbringen oder, in meinem Fall, viel mehr Fotos machen, aber der Weg ruft. Weiter geht es Richtung Logroño. Entfernung 47km. Ich weiß noch nicht, ob ich es bis dorthin schaffe, denn die Steigungen sind enorm und gehen richtig in die Beine.
Nach 10km ist mein Wasservorrat bereits aufgebraucht. Bei der nächsten Möglichkeit muss ich auftanken. Ein Dorf naht – Los Arcos – in der Herberge bekomme ich meine Flasche aufgefüllt und noch einen Stempel für meinen Pass dazu. Ich genieße im Garten die Sonne für eine halbe Stunde. Kurz der Gedanke: Hier bleiben? Nein, nicht am ersten richtigen Tag schon schlunzen. Weiter geht’s – bergauf.
Endlich danach eine schöne Abfahrt, welche eben und lang ausläuft. Am Ende, um mir auch richtig den Schwung zu nehmen, pfeift mich ein Polizist raus. Ich sehe einen Lieferwagen im Graben liegen. Keine Verletzten – der Van liegt auf der Seite und von daher wundert es, dass niemand verletzt wurde. Aber deswegen halten sie mich nicht an. Der Fahrer des Wagens krabbelt den Hang hinauf, sichtlich mitgenommen; dennoch hat der Polizist nichts besseres zu tun, als mir eine Verwarnung wegen meiner Kopfhörer auszusprechen – kostet im Ernstfall bis zu 300€. Ich bin freundlich, verabschiede mich und koche innerlich. Kerlchen, dann fahr du mal 650km ohne deine Motivationsmusik.
Aber es ändert nichts. Ich fahre weiter und muss immer wieder anhalten und in mein trockenes Baguette von gestern beißen. Mein Akku leert sich, Hunger – ich brauche Energie. Die Etappe bis nach Logroño hat jetzt keine große Steigung mehr. Ich motiviere mich selbst.
In Viana – 15km – vor dem Ziel kann ich nicht mehr. Eine Kaffeepause und 1 Stunde Füße hochlegen tun doch sehr gut. Danach Sightseeing und Kultur schnell absolvieren und die letzten Kilometer anpacken. Logroño ist eine verhältnismäßig große Stadt. Ich schaue auf den Herbergenplan – 6 Stück gibt’s. Ich fahre zur ersten und dann trifft mich der Schlag – mir wird gesagt, dass in der Stadt kein Bett mehr frei ist. Morgen wieder. Hä, soll ich dann bis morgen im Park schlafen?
Es kam wie es kommen musste – ich muss weiter fahren. Ist der nächste Ort weit? Nein. Ist der Weg anstrengend? Nein. Die Dame hat mir dort ein Bett reservieren lassen. Gut. Ich fahre los. Finde den Camino nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Meine Augen brennen vor Wut. Ich frage. 2 Einwohner empfehlen mir die Autobahn. Meine Wut verstärkt sich. Ich fahre von der Autobahnauffahrt wieder den ganzen Weg zurück zur City. Nochmal von vorne.
Dann endlich finde ich den Weg. Es sind sage und schreibe 18km – ohne die gefahrenen Umwege – die Weinberge hinauf. Mein 4. Plateau für heute. Die Landschaft? Keine Ahnung. Mir egal. Ich will jetzt nur ankommen. Aber die Wege sind stellenweise nicht befahrbar. Endlich, endlich erreiche ich Navarrete – 19.30Uhr. Natürlich liegt die Herberge hinter der Kirche – auf einem Berg. Kurz der Gedanke an ein Großraumtaxi. Leider keines in Sicht.
Auf dem Weg ein Supermarkt. Abendessen. Mein Körper darf entscheiden. Ich hätte mich für Schokolade entschieden. Nix. 1 Liter Milch, Activia Kokosjoghurt, Vollkornkekse Mandel und eine Dose Thunfisch. Fragt nicht. Mein Abendessen war wunderbar. Jetzt liege ich mit Kokos-Milch-Fisch-Bauch im 18-Mann-Zimmer – zufrieden und satt. Mit gestern habe ich ca. 90km hinter mir und noch viele Kilometer vor mir – aber nicht mehr in diesem Tempo.
Schlaft gut …. ich werde es.

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2 Kommentare zu „Platt wie ein Brötchen – Jakobsweg

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