Spanien

Deutsches Seniorenheim – Madrid

Aufmerksam wurde ich auf das Seniorenheim, da ich 2012 auf der Suche nach einer Freizeitbeschäftigung für meine Oma war. Man hatte mir zugetragen, dass es sich um ein deutsches Seniorenheim handelt und dort einmal in der Woche deutsche Volkslieder gesungen werden.

Ich habe nicht lange gezögert und habe mich auf den Weg zur Residencia, in der Avenida de Burgos, gemacht. Ich wurde bereits an der Tür herzlichst empfangen, obwohl mich hier doch niemand kannte. Ich habe mich vorgestellt und mein Anliegen vorgebracht. Monika, die mit ihrem Mann Karl die Heimleitung innehat, war erfreut über ein Interesse meinerseits. Ich wurde mit meiner Omi, welche ja noch gar nicht in Spanien angekommen ist, auf das herzlichste Willkommen geheißen. Jederzeit könnten wir vorbei kommen und Donnerstagsnachmittag wird gemeinsam gesungen. Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind – damit kann ich meine Oma überraschen.

Meine Oma ist heute 87 Jahre alt und ist im Jahr 2010 durch einen Augeninfarkt völlig erblindet. Sie lebt in ihrer Heimat, der geliebten Eifel, bei meinen Eltern. Zweimal im Jahr kommt sie mich und meine Familie besuchen – im Frühjahr und im Herbst. 2012 das erste Mal – nie zuvor ist sie mit einem Flugzeug gereist. Bis heute ziehe ich den Hut vor diesem Mut, vor diesem Abenteuer, welches sie alljährlich auf sich nimmt. Durch ihre Blindheit ist ihr Tagesablauf entsprechend eingeschränkt. Um das Haus zu verlassen, ist sie auf fremde Hilfe angewiesen. Lesen – geht nicht mehr. Kreuzworträtsel hat sie geliebt – geht nicht mehr. Fernsehen – versucht es selbst einmal ohne hin zu schauen – auf Dauer ist es anstrengend oder die Bilder fehlen oftmals, um den Kontext zu verstehen. So bleibt das Hören – Radio, Hörspiele oder die Konversation. Aber Singen, das kann sie und das macht Spaß und dann auch noch deutsche Volkslieder – und das hier in Madrid – nun kann ich es kaum erwarten, dass sie endlich ankommt.

Der Tag ist da. Ich wollte meine Oma nicht überfordern und so habe ich ihr einen Tag vorher von meiner Überraschung erzählt. Am Donnerstag machen wir uns chic – Oma ist sehr nervös. Fremdes Land, fremde Leute, fremde Umgebung und dafür hat sie kein Bild vor Augen. Ich sage ihr immer wieder – und das nicht nur als Trost – dass sie 83 Jahre lang sehen konnte. Sie hat so viele Bilder im Kopf im Gegensatz zu jemand, der von Geburt an blind ist. Aber hier in Spanien war sie nie zuvor. Sie hat nicht ein Bild von Madrid vor Augen. Die fremde, schnelle und vor allem laute Sprache verschrecken sie immer wieder. Das Haus der Enkel und Urenkel, von welchem sie sich bis heute kein eigenes Bild machen kann. Ich verstehe ihre Unsicherheit und versuche ihr eine Stütze zu sein.

Im Seniorenheim werden wir an der Tür von Monika empfangen. Oma wird in den Arm genommen – und das erzählt sie bis heute jedem der es hören möchte oder auch nicht. Wir gehen durch die Wohnküche einen langen Flur entlang und stehen vor einer gedeckten Kaffeetafel. Nach und nach trudeln alle Bewohner ein und beäugen uns neugierig und interessiert. Einige externe Gäste finden sich ebenfalls ein. Ellen leitet die Singstunde und auch hier weiß ich in dem Moment noch nicht, dass daraus eine tolle Freundschaft werden wird. Es wird aufgetischt – Kaffee, Kuchen, Eis, Sahne – alles, was das Herz begehrt.

Danach singen wir. Ellen begleitet den Gesang mit dem Keyboard. Selbst zusammengestellte Singbücher mit Noten und Text liegen für Jeden parat. Jetzt ist das Eis gebrochen. Meine Oma kennt jedes Lied auswendig und trällert mit – am Anfang noch etwas verhalten – aber sie findet ihren Spaß immer mehr daran.

Nun, was soll ich sagen? Meine Oma hat auf der Fahrt nach Hause geweint – immer wieder hat sie diese Wörter vor sich hin gesagt: Diese Herzlichkeit … diese tolle Atmosphäre … so nette Menschen dort …. Ich für meinen Teil freue mich sehr – denn die Überraschung ist gelungen.

Bis heute – Anfang November kommt die Oma wieder – ist dieser Donnerstag für uns heilig. „Gell Natalie, am Donnerstag gehen wir wieder singen.“ Und auch bei einem erblindeten Menschen kann man diesen Glanz der Vorfreude und Euphorie sehen.

Nachdem die Oma abgereist war, habe ich oft ans Seniorenheim denken müssen, an die Bewohner, welche mir in kürzester Zeit ans Herz gewachsen sind. Sie sind bestens versorgt dort. Die Atmosphäre ist familiär durch und durch. Es wird vor Ort gekocht und bereits an der Eingangstür duftet es nach Essen und nicht nach Krankenhaus-Ambiente. Das Inventar ist gemütlich. Überall findet sich eine Sitzecke zum Zurückziehen, zum Lesen oder zum Telefonieren mit den Angehörigen oder Freunden. Im großen Essbereich gibt es eine Sofaecke. Dort steht eine Musikanlage – Musik hören mögen die Mayores besonders. Ein Fernseher hängt an der Wand und bietet ebenfalls, wenn gewünscht, Abwechslung.

Frische Luft bekommt man den ganzen Tag auf der wunderschönen, überdachten Terrasse, welche an den Wellensittichen vorbeiführt, wenn man dorthin möchte. Hier fällt einem nicht zuletzt die herrliche Blumenpracht auf, welche liebevoll entlang der Galerie verläuft – ebenfalls ein Werk von Ellen.

Ich entschließe mich wöchentlich ins Seniorenheim zu fahren – auch wenn meine Oma gerade nicht in Spanien ist. Spielt mal gegen Ina (90) eine Partie „Mensch ärgere Dich nicht“ – also ich habe da nicht viele Chancen. Annemie bringt mich immer zum Lachen – sie hat immer einen Spruch auf den Lippen und ist für jeden Blödsinn zu haben. Ich kann sie nicht alle hier aufzählen – aktuell sind es 8 Bewohner – aber jeder Einzelne für sich ist ein Besuch wert. Diesen Menschen ein wenig meiner Zeit zu schenken, bedeutet mir sehr viel. Diese strahlenden Augen, wenn man ihnen die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Dieser dankende Händedruck bei der Verabschiedung. Dieses unsagbare Gefühl zu dieser Gemeinschaft dazu zu gehören. Jeder dieser Bewohner hat hier sein Zuhause gefunden – und ich darf daran teilhaben. Liebste Mayores, dafür möchte ich mich bei euch allen bedanken.

Dies alles wäre nicht umsetzbar ohne die liebevolle und kompetente Heimleitung von Monika und Karl. Fünf Pflegerinnen, eine Krankenschwester, eine Reinigungsfrau und diverse Freiwillige tragen jeder seinen Teil dazu bei, diesen Ort für die Bewohner wohnlich, wohltuend und geschützt zu gestalten.

Oftmals wurde die Residencia auch schon als Übergangswohnheim genutzt: Z.B. nach einem Krankenhausaufenthalt, welcher auf einen absehbaren Zeitraum intensiverer Pflege bedarf. Viele Senioren werden in der eigenen Familie gepflegt und betreut – aber auch diese Familie muss mal Urlaub machen können. Für diese Zeit wurden oftmals kurzfristig Plätze geschaffen. Aber mittlerweile ist dies kaum mehr umsetzbar, da kein Bett mehr frei ist in der Residencia.

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3 Kommentare zu „Deutsches Seniorenheim – Madrid

  1. Natalie, du hast so viele schöne Kommentare geschrieben, aber das hier ist mit Abstand der emotionalste und tollste. Ich sehe die alten Menschen förmlich vor mir, wie sie dich anstrahlen und wie dankbar sie dir sind und an dir Freude haben. Und was mit einer tollen Geste für Omi angefangen hat, setzt du jetzt fort und das zeigt dein großes Herz. Wunderschön!!!

    1. Liebste Annette, vielen Dank für Deine lieben Worte. Es ist letztendlich natürlich auch eine Frage der Zeit – hier in Spanien habe ich diese, dank meines Mannes. Noch in Deutschland lebend – mit Beruf, Haushalt, Familie – wäre ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen. Das erschreckt mich – denn zu schnell richtet sich unser Blick nach vorne – ohne rechts und links zu schauen. Das ist etwas, was ich hier lernen und leben durfte und immer im Herzen behalten werde.

  2. Umso schöner, dass Du Deine Zeit sinnvoll einsetzt und nicht nur egoistisch vorgehst. Du könntest all die frei Zeit auch einfach nur für dich nutzen und nicht andere damit glücklich machen, siehe Janina.

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